
Es war ein Blick.
Kein Wort. Keine Geste. Nur dieser eine Blick von Martin — meinem Schwiegervater — einen Tag bevor er starb.
Er schaute mich an. Und ich wusste: Diese Lebensenergie verlässt gerade diesen Mann.
Ich konnte es nicht aushalten. Ich war so hilflos.
Dieser Moment hat sich in mich eingebrannt. Und er ist einer der Gründe, warum ich heute hier stehe — als Freie Rednerin und Sterbebegleiterin in Ahrensburg.
Aber von vorne.
2017: Die schönste Beerdigung, die ich je erlebt habe
Ich hatte sie erst kurz gekannt — und leider nur in einem einzigen Kapitel ihres Lebens. Dem letzten. Der Krebs war schon weit fortgeschritten als wir uns begegneten. Palliativ. Zu Ostern hatten wir noch zusammen gegessen.
Dann die Beerdigung.
Und plötzlich — da war sie. Die ganze Moni. Mit all ihren Facetten, ihrem Humor, ihrer Tiefe, ihrer Geschichte. Die Rednerin hatte etwas Außergewöhnliches getan: Sie hatte Moni lebendig gemacht. Im Raum. Für alle, die dort saßen.
Ich hatte das Gefühl, Moni zum ersten Mal wirklich kennenzulernen.
In diesem Moment ging mir etwas auf, das ich bis dahin nicht kannte: Eine Trauerfeier kann wunderschön sein. Herzlich. Warm. Erfüllend. Sie kann den Menschen in den Raum holen — nicht nur ein Datum auf einer Urkunde.
Ich wusste nicht, dass ich das gerade abspeichere. Aber ich habe es abgespeichert.
2023: Der Abschied, der mich geweckt hat
Einige Jahre später stirbt Martin. Mein Schwiegervater.
Mit ihm dieser Blick, den ich nie vergessen werde.
Die Beerdigung war anders.
Der Redner ratterte einen Lebenslauf runter. Daten. Fakten. Formeln. An einer Stelle wurden sogar Fakten vertauscht. Vertauscht. Bei einem Menschen, dessen Leben gerade zu Ende gegangen war.
Meine Schwiegermutter saß da. Und ich dachte: Das ist nicht Martin. Das bin ich, wenn ich als Recruiterin Lebensläufe scanne. Das ist kein Abschied. Das ist eine Pflichtveranstaltung.
Und dann kam dieser Gedanke — ganz leise, aber sehr klar:
Einen Lebenslauf runterrattern kann ich auch. Und ich kann es besser. Aber ich will den Menschen in den Raum holen. Atmosphärisch. Würdevoll. Echt.
Die unbequeme Wahrheit
Hier muss ich ehrlich sein. Denn dieser Teil der Geschichte ist nicht schön.
Ich war nicht auf den Beerdigungen meiner Oma. Nicht auf denen meines Onkels. Meiner Tante.
Ich habe gearbeitet. Und gearbeitet. Und gearbeitet.
Als ich das wirklich realisierte, hat mich das erschüttert. Nicht weil ich böse war oder kalt. Sondern weil ich merkte: Ich hatte die bedeutsamen Momente des Lebens nicht gesehen. Die Momente zum Innehalten. Die Momente, die bleiben.
Und ich dachte: Wie schade wäre es, wenn ich irgendwann nach meinem eigenen Ableben sagen müsste: Ja, das war’s.
Dieser Gedanke hat etwas in mir aufgebrochen.
Über 3.000 Euro. Schweißausbrüche. Und eine Entscheidung, die ich fast nicht getroffen hätte
Freie Rednerin werden — das klingt nach einem schönen Plan.
Die Realität: Ich war damals jemand, der bei Referaten an der Uni buchstäblich geschwitzt hat. Nicht figurativ. Ich erinnere mich noch an ein Seminar über Medien in China. Ich habe mein Referat vorgelesen. Vorgelesen! Und trotzdem Schweißausbrüche bekommen.
Das war die Person, die jetzt über 3.000 Euro in eine Ausbildung zur Freien Rednerin investiert. Mit Zeit, die ich dann nicht mit der Familie verbrachte. Mit einer Ungewissheit, die mich nachts wach hielt.
September bis November. Intensiv, fordernd, tiefgehend.
Mit jeder Woche spürte ich mehr: Das ist es.
Nicht wegen der Techniken. Nicht wegen der Rhetorik.
Sondern wegen der Haltung. Wertschätzung. Nicht urteilen. Den Menschen wirklich sehen. Ich erlebte auf diesem Seminar Menschen, die schon so viel gesehen hatten — und trotzdem mit frischen Augen zuhörten. Professionell, offen, ohne Urteil.
Und dann kam das Präsenzwochenende.
Ich stand vorne. Und bekam kaum ein Wort raus.
Nicht wegen mangelndem Wissen, sondern weil ich mich selbst sabotiert hatte. Nicht geübt. Die Zeit mit Putzen, kochen und sonst was verbracht. Dieser Moment war schmerzhaft. Und gleichzeitig einer der wichtigsten meines Lebens.
Das IHK-Feedback, das ich nicht annehmen konnte
Zur IHK-Prüfung. Ich hatte bestanden. Mit sehr gut.
Und dann sagte mir die Prüferin etwas, das mich sprachlos gemacht hat: „Ihr Humor und Ihre Art — das ist bereits eine Marke.“
Ich stand da. Und konnte es nicht annehmen.
Wirklich nicht. Obwohl die Botschaft meiner Rede an diesem Tag nicht stark genug ausgearbeitet war — obwohl ich selbst wusste, da war noch Luft nach oben — sagten sie mir: Die Art, wie Sie sind, ist bereits das, was Sie unterscheidet.
Selbstbewusst habe ich gewirkt, hieß es noch.
Heftig. Für jemanden, der jahrelang geschwitzt hat beim Vorlesen.
Warum ich das tue — wirklich
Ich bin keine Freie Rednerin geworden, weil ich gut reden kann.
Ich bin es geworden, weil ich weiß, wie es sich anfühlt wenn eine Abschiedsrede nicht würdevoll ist. Wenn ein Mensch auf Geburts-, Sterbedatum und Berufsstationen reduziert wird.
Und weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn er es ist. Wenn der Raum voll ist mit einem Menschen — obwohl er längst gegangen ist.
Das ist der Unterschied. Und genau dafür bin ich da.
Für Menschen zwischen zwei Welten. Für Familien die mehr wollen als eine Pflichtveranstaltung. Für alle die spüren: Dieser Moment verdient mehr.
